20 Russen, 2 Deutsche, 1 Bus und 1 Strasse

Aktualisiert: 10. Sept 2018


Von Irkutsk starteten wir unsere Weiterfahrt an den Baikalsee. Online hatten wir uns einen kleinen Ort ausgesucht, den irgendwie niemand kannte in Irkutsk. Dieser Ort heisst Sarma. Selbst auf Google Maps findet man diesen Ort nicht. Später vermuteten wir, dass sich die Besitzer der Bungalowanlage Chara den Ort ausgedacht haben. Nun ja, am morgen um 9h wurden wir in Irkutsk mit einem Bus abgeholt, um an diesen Ort zu gelangen. Wir dachten, wir gönnen uns mal die bequeme Variante und buchten diesen Shuttle Service. Der Ort Sarma war ca. 250km von Irkutsk entfernt. In Gedanken rechnete ich mit einer Fahrt von ca. 3h, aber wahrscheinlich dachte ich dabei an eine deutsche Autobahn und einen Porsche. Die blonde Ludmilla empfang uns freundlich. Als wir einstiegen mit unseren Rucksäcken in den fast voll besetzten Bus und ich durch den Gang lief um zu schauen, wo denn noch zwei freie Plätze wären, fühlte ich mich plötzlich in einen Schulbus versetzt, in dem ich der klassische Aussenseiter mit Lupenbrille, fester Zahnspange und Segelohren war. Besitzergreifend machten mir die russischen Mitreisenden sehr deutlich klar, dass hier oder da „Besetzt“ ist. Und das obwohl ich kein russisch verstehe. Alles klar. Ich nahm die anderen Gäste nun genauer wahr. Da waren zwei Männer und ansonsten nur Frauen mit fein gelegten Haaren und Trainingsanzügen. Auch mit Lippenstift  im Gesicht wurde nicht gespart. Ludmilla besorgte uns dann noch zwei Plätze in der ersten Reihe beim Fahrer. So hatten wir die Strasse voll im Blick. Mir fiel gleich die sogenannte Fahrerkabine auf. Der alte wohl löchrige Boden wurde einfach mit schickem (im beigefarbenen Fliesenmuster) Linoleum Boden ausgelegt. Sauber wurde hier um Bremse, Gas und Kupplung geschnitten.


Und los ging die Fahrt. Erst als wir aus der Stadt raus waren und nun auf der Landstrasse fuhren, wurde uns der Zustand des Buses sowie der Strasse sehr deutlich. Wenn der freundliche und scheinbar sehr geübte Busfahrer bremste, stank es fürchterlich verbrannt im Bus. Einmal hielt er sogar an um zu prüfen, ob kein Reifen oder so brennt. Im hinteren Teil es Buses regnete es rein. Das ist zu erwähnen, wir hatten diesen ätzenden Regen. Das Fenster wurde mit einer blauen Mülltüte geflickt und die Gäste die dort sassen, zogen einfachen ihren Regencape über. Der Fahrer selbst hatte immer ein Handtuch bereit um zwischendurch die Frontscheibe zu schrubben, so dass er wieder Sicht hatte. Das haben wir immer wieder festgestellt in diesem Land, ein Russe jammert nicht! Es kann noch so ungemütlich, dreckig oder kaputt sein. Nein, er jammert einfach nicht. Das überlässt man uns Deutschen, dem Weltmeister im Jammern! Nun fuhren wir also im Regen über die Betonstrassen. Nach einer Stunde wurde uns irgendwie schlecht, da wir permanent durch diese riesigen Schlaglöcher fuhren. Es ging auf und ab, nach rechts, nach links. Es zog von allen Seiten vorne, währenddessen hinten die Heizung bis zum Anschlag aufgedreht und den Menschen dort 40C° bescherte. Meine idiotische Einschätzung, dass wir in 3h da wären verflog schnellstens, als es das erste Mal leicht Bergauf ging. Dieser Bus quälte sich mit 20 bis 30 Km/h den Berg hinauf. Wir wurden ständig überholt, auch von anderen Busen. Ich sah den traurigen Blick des Fahrers, aber nun, alles Routine für ihn. Während einer etwas schärferen Bremsung, schlitterte von ganz hinten eine blaue Reisetasche nach vorne und machte erst beim Fahrer vorne halt. Es wurde kurz still im Bus und plötzlich brach ein herzhaftes Gelächter aus. Diese kleine selbstständige Reisetasche brachte den Russen Freude. Einer der zwei russischen Männer an Bord stapfte nach vorne und brachte sie wieder nach hinten. Dann wurden die Fresstüten rausgeholt. Es roch plötzlich nach Hundefutter im Bus. Leider konnten wir dieses Essen nicht definieren, jedoch waren wir sicher, dass es keinen Hund an Bord gab. Mit Lebensmitteln gefüllte Tüten wanderten durch den Bus und die Damen schoben sich 4cm dicke Fettwurstscheiben in den Mund. Daniel und ich assen dezent einen Keks!


Nach ca. 3h Fahrt hörte die mit Schlaglöchern übersäte Asphaltstrasse einfach auf. Ich fragte mich, ob es noch schlimmer kommen konnte?! Ja, konnte es. Vor uns lag eine Schotterstrasse mit metertiefen Schlaglöchern. Es wurden noch tiefere Schlaglöcher so dass selbst der Busfahrer in seinem gefederten Sessel mit dem Kopf fast an die Decke schlug. Einmal fiel sogar der Hupknopf aus dem Lenkrad, welches der Fahrer dann während der Fahrt unter seinen Füssen suchte um es dann wieder auf das Lenkrad zu stecken. Mit 30km/h ging es weiter. Zwischendurch mussten wir anhalten, weil ne freilaufende Kuh die Strasse überquerte oder da plötzlich ein Pferd stand. Ohne Reiter. Nach fast 6 Stunden Fahrt kamen wir lebend an. Die Idylle, der Baikalsee entschädigte dann alles. Aber wir waren hier am A*** der Welt. Es gab noch nicht mal Internet was uns Junkies zu schaffen machte. Hier gab es nichts ausser dieser Ferienlager artigen Unterkunft. Hier macht der Russe aus Sibirien also Urlaub. Vollpension. Mit Essensmarken. Wir waren die einzigen Nicht-Russen und wir wurden jedes Mal begafft, wenn wir uns auf Deutsch unterhielten. Am Abend sassen wir dann mit Bier, Käse und Brot am See und schauten in den lila Himmel und das lila Wasser. Perfekt. Hier steht die Zeit und wir stehen mit ihr. Ganz still und leise.



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