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Get up! Move! Border control!

Als wir das schauerlich schöne Sarma verliessen, ging es für uns nun weiter mit dem Zug von Irkutsk nach Ulan Bator. Überpünktlich kamen wir am Bahnhof an, stiegen in den nun mongolischen Zug und suchten unser Abteil. Als wir unsere Abteiltür öffneten, traf uns der Schlag! Ein Schlag von einer immensen Duftwolke. Ich dachte gleich, hier riecht es wie in einem Mülleimer. Nicht dass ich je in einem gesessen hätte, aber daran erinnerte mich der Geruch sehr stark. Wir schmissen unsere Rucksäcke auf die Bänke und inspizierten nun genauer. Dabei stellten wir fest, dass das ganze Abteil mit Obstkisten voll war! Zwar hatten wir das 4er-Abteil für uns zu zweit, jedoch teilten wir dieses mit Bananen, Melonen und Kirschen. Es stellte sich heraus, dass es der Schaffnerin gehörte. Auch auf unserer bildlichen Darstellung hin, dass es fürchterlich stinkt, lachte die Schaffnerin und drehte sich auf dem Hacken um. Also keine Chance. Entweder 32h im Gang stehen oder zwischen Obst schlafen. Wir entschieden uns für die zweite Variante. Irgendwann gewöhnten wir uns an den Geruch, welcher sich auch im Gang breit machte. Egal und durch!


Am nächsten Tag am Nachmittag, es war sehr heiss, erreichten wir die russisch-mongolische Grenze. Zum einen musste die Ausreise aus Russland sowie die Einreise in die Mongolei vollzogen werden. Bei der Ausreise aus Russland hatte der Zug ca. sechs Stunden Aufenthalt am Grenzbahnhof auf russischer Seite. Nette Soldaten überfielen den Zug und machten den Reisenden unmissverständlich klar, dass das hier jetzt keine Attraktion sein wird. Zuerst kamen irgendwelche Beamte, (welche auch Klofrauen sein hätten können, da sie eine rosa Schürze trugen (!!)) die einen flüchtigen Blick auf unsere Papiere warfen. Der eine der beiden lachte laut auf als er unser Visum betrachtete und sagte herzhaft lachend „Penalty! – Haha!“ und ging weiter. Wir guckten uns daraufhin mal genauer unser Russenvisum an und siehe da – wir sind 1(!) Tag drüber. Egal, die Russen werden wegen nicht einmal 24 Stunden schon keinen Aufstand machen, dachten wir. Danach kamen dann wiederum andere Beamte. Das waren dann also die richtigen Grenzbeamten. Wir sitzen in unserem Abteil und warten bis wir an der Reihe sind. Aus der Ferne hören wir Martin und Paul mit der Beamtin diskutieren. Martin und Paul haben wir auf dieser Zugfahrt kennengelernt.


Ich möchte diese hier kurz vorstellen, da es sich hier um eine besondere Bekanntschaft handelt: Es handelt sich hierbei um Vater und Sohn. Martin ist Rettungssanitäter aus Berlin und Paul (15) ist fleissiger Schüler aus Prenzlberg. Beide haben auf Phoenix ne Reportage über die Transsib gesehen und beschlossen, dass sie das auch machen wollen. Das Ganze zwar als Kurzversion innerhalb drei Wochen von Moskau nach Irkutsk, Ulan Bator und Peking. Es ist zu erwähnen, dass der während der Reise entstandene Sachschaden der beiden wahrscheinlich höher ist, als die Kosten ihrer gesamten Reise! Martin, ich erlaube mir, eure kleinen Unfälle kurz zu erwähnen ;-): Am Baikalsee, Vater und Sohn fahren Quad, Vater lenkt aber hat die Rechtskurve irgendwie nicht im Griff. Bei einem Versuch gerät das fahrende Vierrad ausser Kontrolle und Martin lenkt das Ding gegen ein parkendes Boot, welches aus seiner Verankerung springt und in einer daneben stehende Sauna rast. Diese  war zum Glück nicht in Betrieb. Daraufhin wurden die beiden grossen Männer von einer kleinen Babuschka beschimpft, welche immer ihre Hände gitterartig vor die Hände hielt und damit andeuten wollte, dass sie ins Gefängnis kommen. Selbst beim Schreiben dieser Geschichte muss ich sehr lachen. Ein anderer Sachschaden ereignete sich im Voyage Hotel in Ulan Bator. Martin möchte Kaffee trinken. Ah, ein Wasserkocher im Zimmer. Sehr praktisch, dachte er und schaltete diesen an. Daniel und ich waren in diesem Moment auf dem Weg zu ihrem Zimmer, da wir uns dort treffen wollten. Als wir aus dem Fahrstuhl stiegen, wurden wir überrascht von fürchterlichem Gestank. Es roch, als sei ein ganzes Hotelzimmer abgefackelt. Wir näherten uns dem Zimmer der beiden. Ja, die Tür weit aufgerissen, um wieder atmen zu können. Martin hatte vergessen Wasser in den Wasserkocher zu füllen. Das Ding fing an zu schmelzen und das Plastik fing an zu brennen. Daraufhin wollte Martin das Teil ins Bad bringen um den brennenden Wasserkocher zu löschen. Dabei tropfte das schmelzende Metall des Wasserkochers auf den schönen Hotelteppich, welcher dann ebenfalls brannte. Zum Glück brach kein grösseres Feuer aus und es blieb bei brutalem Gestank in Flur und Zimmer. Über den ruinierten Teppich schmiss Martin einen anderen Teppich, draussen vom Hotelflur. Danach gabs erst mal ein Bier und ne Zigarette auf dem Balkon.



Zurück in den Zug, zur Grenzkontrolle bei den lustigen Russen. Wir hörten also die beiden mit den Russen diskutieren und gesellten uns dann dazu, da wir raushörten, dass auch sie das gleiche Problem hatten mit ihrem Visum. alle lagen wir ca. 10h drüber. Wir hielten es für eine Lappalie, jedoch nicht der Russe. Der wollte von Kulanz nichts wissen. Wahrscheinlich gab es dieses Wort in ihrem Wortschatz eh nicht. Jetzt gab es Arbeit für sie. Vier Deutsche mussten bestraft werden. Wir wurden „höflich“ gebeten, aus dem Zug zu steigen. Dann ging es ins Zollgebäude am Bahnhof. Wir mussten alle unsere Pässe abgeben. Auf dem Weg diskutierten wir mit der russischen Grenzbeamtin, welche ein wenig deutsch sprach aber uns sehr bald zu verstehen gab, dass eine Diskussion aussichtslos ist. Wir haben einen Fehler begangen und das Visum überzogen. Und Fehler müssen bestraft werden. Wir wurden in einen riesigen Warteraum gesetzt, welche in der Ecke einen riesigen Metalltisch hatte und vier dazugehörige Stühle. Wir hatten zu dieser Zeit noch über zwei Stunden Zeit bis zur Zugabfahrt. Also hiess es warten. Und warten…und warten. Ich bekam Lust mich zu prügeln! Vor uns waren diese drei Türen. Wie aus einer Kuckucksuhr kamen dort Beamte raus und verschwanden wieder in einer anderen Tür. Tür auf, Tür zu. Tür eins, zwei oder drei. Wir wurden nicht nervöser, sondern immer wütender. Mittlerweile waren es noch 30 Minuten bis zur Zugabfahrt. Und nichts passierte. Auch als wir sehr energisch an die Tür klopften und fragten, was denn nu ist, wurden wir vertröstet mit „ two minutes, wait outside“. Ja, man! Wir waren uns sicher, dass dies mit Absicht gemacht wurde. Die Beamten hatten schiere Freude uns da bis auf die letzte Minute warten zu lassen. Dieser grosse Raum hatte Kameras in den Ecken. Wir überlegten uns eine Choreographie mit Radschlag und Salto, um es den Beamten vorzuführen. Doch waren wir nicht in Form dafür. Später schlugen wir Zeit tot mit einer Monster grossen Riesenfliege. Wir waren sicher, dass sie auch eine Kamera auf dem Kopf trug. Nichtsdestotrotz raste die Zeit weiter. So schauten wir aus dem Beamtengebäude direkt rüber zu unserem Zug. Dort starrten uns mittlerweile die anderen Reisenden an. Selbst die Schaffnerin gab uns Zeichen, dass WIR uns beeilen sollen?! All unsere Sachen lagen ja im Zug. Martin versicherte uns, dass er sich vorne auf die Schienen legt, falls der Zug Anstalten macht ohne uns loszufahren. Und ja, wir waren uns sicher, dass er dies gemacht hätte. Jedenfalls kamen die blöden Beamten kurz vor Zugabfahrt aus ihren Türchen raus und legten uns einen Haufen Blätter hin. Für jeden zwei A4 Seiten, welche aussahen wie ein Roman in russischer Schrift. Hier und da sollten wir unterschreiben und 600 Rubel pro Person zahlen. Wir knallten das Geld auf den Tisch und unterschrieben in Hieroglyphen. Dann gingen wir zum Zug und tranken erst mal Bier in unserem Obstabteil. Prost auf die Russen. Und die Fahrt ging weiter. Für 30 Minuten. Dann folgte die mongolische Einreise. Auch hier gab es dreistündigen Aufenthalt. Eine Soldatin kam in den Zug. Mit zusammenknallenden Hacken blieb sie vor unserem Abteil stehen: „Get up! Move! Border control!“


Wir lächelten freundlich, standen auf und freuten uns auf die Mongolei.


@Martin & Paul: Wir hoffen ihr habt unseren russischen Souvenirs noch nicht ausgetrunken und wir freuen uns sehr euch ganz bald in Berlin wieder zu treffen!