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Novosibirsk - Oh du Schreckliche

Wer in Novosibirsk lebt oder hier geboren wird, muss in seinem vorherigen Leben mindestens Mutter und Vater erschlagen haben. Die Hauptstadt Sibiriens erbrach uns regelrecht das wahre Russland, so wie wir es schon in Moskau oder Ekaterinburg vermutet hatten, jedoch jedes Mal aufs Neue überrascht wurden. Doch nachdem wir das Ural hinter uns liessen, änderte sich das Bild schlagartig. Alles ist anders. Die Städte, die Menschen und selbst die Luft. Nach Moskau und St. Petersburg ist Novosibirsk mit 1.4  Millionen Einwohnern die drittgrösste Stadt Russlands. Ihre Gründung verdankt sie dem Bau einer Brücke über den Fluss Ob für die Transsibirische Eisenbahn.


Novosibirsk's Stadtbild ist geprägt von überwiegend grauen alten aus Sowjetzeit stammenden Plattenbauten. Sowohl von außen als auch von innen zerfällt alles. Es stinkt fürchterlich in den Hausaufgängen und man hat die Wahl in den 10. Stock durch Pissegeruch aufzusteigen oder all seinen Mut zusammen zufassen und in den Fahrstuhl zu steigen. Dieser ist provisorisch beleuchtet und man hat den Eindruck als ziehe jemand das Ding immer in unregelmäßigen Zügen hoch. Es knarrt und wackelt in allen Ecken.Aber ja, das ist hier der Anfang der Abhärtung für uns. Das sind hier schon harte Bedingungen für uns. Auch hier blieben wir bei Leuten, welche wir über Couchsurfing kennengelernt haben. Es ist jedes Mal aufs Neue spannend bei wem man wohl diesmal landet. Diesmal war es etwas heftiger und alles andere als „lustig“. Wir trafen Kirill (Mitte 40)und seinen Sohn Matvey (16) am Bahnhof. Mit dem Auto fuhren wir zur Wohnung durch die staubigen vollen Straßen. Uns (den feinen sauberen Europäern) fiel sofort auf, dass die Autos hier alle, aber wirklich alle extrem dreckig sind. Und das nicht weil sie ne Rallye durch die Wüste hatten, nein, da klebt der Dreck dieser Stadt dran! Als wenn hier vor einiger Zeit ein Vulkan ausbrach und der Staub sich über die Stadt gelegt hat. Und hier ist man eher nach Japan orientiert. Vor allem die Autos, welche überwiegend das Lenkrad rechts haben, jedoch der Verkehr selbst links fährt.


In der Wohnung angekommen, wurde auch hier wieder gekocht. Russen sind immer sehr gastfreundlich und es wird immer aufgetischt. Es wurde Borsch Suppe gekocht! Doch wird hier irgendwie alles in Brocken serviert. Oh ja, das ist hier gaaar nichts für Vegetarier, Veganer oder Mäkelfritzen! Da musst du durch. Zudem sind wir hier bei zwei Neandertaler artigen Männern gelandet. Die Angst selber im Topf zu landen bei Ablehnung des Essen war dann doch zu groß. Also iss einfach! Mongolei wird noch schlimmer. Da werden einem diese riesigen Fleischbrocken auf den Teller geknallt. Auch am Morgen das Omelett enthielt riesige Wurstbrocken, nein, nicht Stückchen sondern Brocken! So saßen wir am ersten Abend alle in der kleinen verdammt dreckigen Küche und tranken Bier aus Petflaschen und aßen (brockenartige) Pelmini. Kirill ist eher speziell, um es mal so zu formulieren. Kirill stottert sehr stark, so dass es manchmal schwer war, sich mit ihm zu unterhalten. Er hat in Novosibirsk eine kleine TV Show über Autos. Also so was wie Auto, Motor, Sport bei uns. Er selbst steht im Studio vor der Kamera und redet und redet und redet… OHNE auch nur einmal zu stottern. Sobald er vor einer Kamera steht, ist sein Stottern komplett weg und zu Hause hat er manchmal so sehr Schwierigkeiten nur einen Satz fließend zu sprechen. Wir waren sehr überrascht als wir die Aufzeichnungen sahen von seiner Show. Irgendwann im Laufe des Abends fing er plötzlich an mit uns zu diskutieren, dass zu Sowjetzeiten alles besser war und man da die Freiheit anders erlebt hat. Auch in der DDR hatten wir es doch besser….Stasi und Leute ausspionieren, nein das gab es doch nicht. Ich würgte mir den letzten Schluck Bier runter und hätte ihm gern mit einer Glasflasche auf den Kopf gehauen aber hier gab’s leider nur Bier in Petflaschen.Uns wurde sehr schnell klar, dass hier ein alter Kommunist sitzt, der auch behauptet, dass Weissrussland das schönste und freiste Land der Welt sei. In keinem Land unserer Erde sind die Menschen glücklicher. Alles was die böse Presse und der komische Westen über Lukaschenko sagen,  stimme nicht. Er ist kein Diktator! ALLES BULLSHIT!


Daniel und ich warfen uns nur Blicke zu und waren uns einig, dass wir uns nicht einlassen auf dieses Thema, da dies wahrscheinlich nicht so nett verlaufen wäre am Ende. Dezent machten wir ihm klar, dass wir seine Meinung nicht teilen, gar nicht teilen.Daraufhin schien er etwas enttäuscht und die restliche Zeit verbrachten wir in Novosibirsk fast nur mit Matvey. Er wohnt eigentlich ich Krasnojarsk, da seine Eltern geschieden sind und er verbringt derzeit seine Ferien bei seinem  Vater in Novosibirsk. Matvey ist einer von den Guten. Eine gute Seele. Er lernt gerade Deutsch und möchte zum Studieren an die Technische Universität in Aachen.



Mit ihm latschen wir durch die halbe Stadt und es war uns tatsächlich möglich kleine schöne Plätze in dieser furchtbaren Stadt zu finden. Und ich fand Wellensittiche in einer U-Bahn Station! Also in einem Käfig hinter Glas. Mein Herz weinte bitterlich.


Den zweiten Abend saßen wir am Ufer der Ob und schauten in die untergehende Sonne. Bier und eine Zigarette machten den Moment perfekt. Wie sooft sind es diese kleinen Momente. Da schau ich die Promenade runter in den riesigen Sonnenball, sehe nur die Silhouetten der vielen Menschen, am Rand steht ein Paar und küsst sich, aus einer Box schwebt eine kleine Musik. Über mir die längste Metrobrücke der Welt (über 2km), auf welche die Bahn zur anderen Seite der Ob rattert. Dieser Moment bleibt.



Ansonsten gab es nicht viel Sehenswertes in Novosibirsk. Man empfahl uns dringend den Zoo. Jawohl! Dieser lag der Wohnung direkt gegenüber. Man konnte rein schauen und wenn man genau lauschte, hörte man Affen erzählen. Nun gut, also in den Zoo, der als der beste Russlands ausgewiesen ist. Uns war jedoch vorab bewusst, dass das was wir sehen werden, nicht unserem Verständnis eines guten Zoos entsprechen wird. Aber es kam schlimmer. Ich versuchte mein Hirn erneut auszuschalten und trabte durch den Zoo. Wir trafen auf verstörte Tier in viel zu kleinen Käfigen und Gehegen. Tiere rannten apathisch permanent von einer Seite zur anderen des Käfigs.Ich konzentrierte mich auf die Besucher stattdessen und stellte fest, dass ich lieber diese in Käfige gesteckt und aus Spaß an der Freude angegafft hätte. Hinterm Ural sehen die Leute schon anders aus.


Am letzten Tag quälten wir uns ein bisschen durch die Stadt. Matvey schlug vor, dass wir doch spazieren gehen könnten. Aha, ja, dann also „spazieren“. Das Ganze sah so aus, dass man neben einer fünfspurigen mit Autos überfüllten Strasse lief. Das Atmen tat irgendwann weh und die Augen brannten vom feinen Dreck. Aber Matvey bekommt Kopfscherzen, wenn er den ganzen Tag in der Wohnung ist und geht eben an der Strasse spazieren und mal an die Luft zu kommen.

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